21.5.2012 02:14

 

Hunger am G8-Gipfel

Selten habe ich auf einen einzigen Satz so viel Feedback bekommen wie auf diesen vom G8-Gipfel in Camp David: "Momentan sitzen die Staats-Chefs gerade beim Mittagessen und diskutieren dort über den Hunger in Afrika."



Da haben offensichtlich viele Zuschauer aufgehorcht:
Via Facebook und Twitter-Account hagelte es Fragen: "Stimmt das?" - "War das Humor? Oder Kritik?" - "Aus Versehen oder Absicht?" - "Satire pur?". Darum hier ein paar Erklärungen.

Zuallererst: Selbstverständlich stimmt der Satz. Alles andere wäre inakzeptabel. Und natürlich wurde er auch mit Absicht so gesagt. Es begann so: Bei der Vorbereitung auf den Gipfel fiel mir auf, dass neben diversen anderen Themen auch über "Nahrungsmittelsicherheit" gesprochen werden sollte. Als wir dann das genaue Programm am Vorabend erhielten, stand da auch wann diese Gespräche stattfinden sollten: "The President will host a working lunch on food security" (Der Präsident hält einen Arbeits-Lunch zur Nahrungsmittelsicherheit ab, O-Ton Weisses Haus).

Eingeladen waren neben den Staats-Chefs der G8 auch eine Hand voll Vertreter Afrikanischer Länder. Hintergrund ist ein Versprechen, dass die G8-Staaten 2009 in L'Aquila abgegeben haben: über 20 Milliarden Dollar, primär für Afrika, um "den Zugang zu Nahrung zu verbessern".

So ist das immer an internationalen Gipfeln: "Nahrungsmittelsicherheit", "Zugang" etc. sind beschönigende Worte für ein Phaenomen, das alles andere als schön ist: Hunger. Dieses Wort benutzen die Spitzenpolitiker allerdings kaum, wohl weil es ihnen zu konkret ist. Unsere Aufgabe als Journalisten ist es, aus dem Diplomaten-Jargon heraus zu destillieren, worum es wirklich geht. Und bei jenem Lunch ging es konkret um Hunger in Afrika.

Bleibt die Frage, warum dieses Thema ausgerechnet beim Mittagessen auf der Agenda steht. Das wirkt auf den ersten Blick bizarr - auch auf mich, darum habe ich die Terminierung ja erwähnt (Der Lunch fand gleichzeitig mit der Schaltung in der "Tagesschau" statt). Zu erklären ist der Zeitplan so: Zu wichtigen, drängenden Themen wo die eigenen Interessen der G8 auf dem Spiel stehen (in Camp David zum Beispiel Euro, Erdöl, etc.) werden Sitzungen veranstaltet - mit dicken Ordnern auf dem Tisch. Dinge die einfach nur grob besprochen werden, sind während einem Essen eingeplant (Syrien und Iran etwa beim Dinner am Freitag,
und Hunger in Afrika eben beim Lunch am Samstag).

Es war Präsident Obama, der "Nahrungsmittelsicherheit" dieses Jahr als Gastgeber ausdrücklich auf der Agenda haben wollte. Wer das Thema allerdings auf Samstag Mittag eingeplant hat, ist nicht bekannt.


P.S.
Ich freue mich immer über Feedback. Auf Twitter kann man mir coram publico gern Fragen stellen. Auf Facebook pflege ich indes nur Kontakt mit Leuten, die ich tatsächlich kenne. Merci.



Kommentare
 

21.5.2012 19:59

  

Besten Dank für die Klarstellung!

Daniel Annen


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