22.8.2012 06:04

 

Zaster, Zoff und Zahlensalat

Wir stellen uns vor: Es gäbe nur einen Bundesrat und dieser würde vom Volk gewählt. Simonetta Sommaruga gegen Ueli Maurer. Christoph Blocher lädt die Banker der Zürcher Bahnhofstrasse zur Ueli-Maurer-Benefizgala aufs Schloss Rhäzüns und verlangt pro Gedeck 50'000 Franken. Lukas Hartmann appelliert täglich per Mail, mindestens drei Franken für Simonetta Sommaruga zu spenden. Ueli Maurer habe seine Frau schon zum dritten Mal in Folge beim Fundraising ausgestochen.

Das abendliche Fernsehprogramm, zugepflastert von Wahlspots. Die SVP zeigt eine verzweifelte Simonetta Sommaruga, die überrannt wird von Tunesiern. Schlagzeile: „Sommaruga funktioniert nicht!" Im SP-Spot stösst Ueli Maurer eine Rentnerin im Rollstuhl über eine Klippe: „Maurer ist nicht die Lösung, er ist das Problem!" Unvorstellbar? Ersetzen Sie Simonetta Sommaruga durch Barack Obama und Ueli Maurer durch Mitt Romney - und Sie sind mitten im US-Wahlkampf.

Ein medialer Showdown inszeniert wie ein Hollywoodfilm. Geschätztes Budget: 2,5 Milliarden Dollar. Der neuste Spezialeffekt heisst Paul Ryan. Der junge Shooting Star der Republikaner wurde in der Rolle eines David Copperfields besetzt. Er soll vom hölzernen Protagonisten Romney ablenken und den inhaltsarmen Streifen mit Zahlenmagie aufpeppen. Das Publikum schaut gebannt: Wird es Copperfield gelingen, den unglücklich agierenden Romney in einen Star zu verwandeln? Die anfängliche Begeisterung jedenfalls verflacht schnell: Die Zuschauerbefragung in der Filmpause ergibt, dass Romneys Beliebtheit seit Ryans Erscheinen um gerade mal einen Prozentpunkt gestiegen ist.

Viele ältere Zuschauer suchen ihr Portemonnaie nach Kleingeld für Popcorn ab. Sie fragen sich, ob künftig noch weniger Münz drin sein wird, wenn sie Romney den Oscar verleihen. Viele befürchten, sich Kinobesuche nicht mehr leisten zu können, sollte Magier Ryan die staatlich finanzierte Gesundheitsversorgung in Luft auflösen, um sie dann neu als Privatversicherung aus seinem Hut zu zaubern. Eine Gruppe von Mittzwanzigern aber findet den smarten Copperfield cool: Endlich einer, der sich getraue zu sagen, wie das überschuldete Land für die nächste Generation zu sanieren sei. Vom Hauptdarsteller Obama höre man in dieser Hinsicht gar nichts.

Nach der Pause, die Erwartungen sind hoch, bricht die Spannung komplett weg: Anstelle von Brandreden, wie Amerika zu retten sei, werfen die Stars so lange mit Zahlen um sich, bis dem Publikum der Kopf raucht: Das Faule-Zauber-Duo Ryan/Romney würde älteren Mitbürgern künftig 500 Dollar im Monat für ihre Krankenversicherung abknöpfen, warnt Obama. „Falsch!" rufen Romney/Ryan im Chor, das Gegenteil sei wahr: Obama, der das Land noch tiefer in die Krise geführt habe, stehle den Senioren jetzt zudem einen Teil ihres Krankengeldes und schleuse es in sein Sozialisten-Hokuspokus Obamacare.

Buh-Rufe im Publikum. Schnitt in ein Grossraumbüro, wo Journalisten in der Rolle von Fakten-Checkern in Computerschirme starren. Ihre tonlosen Stimmen, die erklären, die Vorwürfe beider Seiten seien falsch, helfen der Dramaturgie des Filmes nicht. Viele Zuschauer verlassen den Saal, die einen enttäuscht, die anderen verärgert. „Und dafür bezahlen wir Eintritt, unser Steuergeld für diesen Schrott?"

Die, die bleiben, ergötzen sich am immer gehässigeren Schlagabtausch. Sie brauchen keine Informationen, sie wissen sowieso, wen sie wählen. Nur 5% der Amerikaner sollen 2,5 Monate vor der Präsidentschaftswahl noch unentschlossen sein, vor vier Jahren waren es noch 25%. Wahlkampf à la Hollywood. Was für ein Spektakel! Faszinierend, abstossend, surreal. Leider hat der amerikanische Film kein Ende. Er geht nach dem Showdown vom 6. November erst richtig los.


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