28.10.2010 16:29

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Sommerhitze in Russland: 55'800 Tote !?

Wenn die Zahl, die die russische Tageszeitung «Nesavissimaja Gazeta» diese Woche publiziert hat, stimmt, dann ist sie tatsächlich schockierend: fast 56'000 Menschen seien diesen Sommer an den (meist indirekten) Folgen der Hitze, Brände und des Smogs in Russland gestorben. Eine grosse Mitschuld tragen - so schreiben jetzt die kritischen Beobachter - auch die Behörden. Die «vertikale Macht» hat sich als unfähig erwiesen: die Frühwarnsysteme versagten, die Feuer wurden viel zu langsam und ineffizient bekämpft und in den von Smog verhüllten Städten blieben die besonders gefährdeten Bevölkerungsschichten (alte Menschen, oder solche mit Atemerkrankungen, Invalide) ungeschützt. Jetzt bräuchte es eine klare, kritische Analyse: in wie weit hat das neue Waldgesetz von 2007 dazu geführt, dass viele Forstwart-Stellen abgebaut wurden und man ganze Waldstriche nicht mehr systematisch kontrollierte und Forstwege (besonders wichtig für die Löschfahrzeuge) «vergandeten»? Warum waren Lokalbehörden und Feuerwehren unvorbereitet, obwohl Meteorologen schon früh gewarnt hatten? Wieso kamen weit mehr Feuerwehrleute ums Leben als bei ähnlichen Bränden in Europa und in den USA? Wieso wurden Zahlen über Hitze-Tote lange verheimlicht? In einem demokratischen Staat würden jetzt (oppositionelle) Parlamentarier, (freie) Medien und (kritische) Bürger nach Aufklärung schreien, die Entlassung/Bestrafung der Schuldigen und neue Rezepte für die Zukunft verlangen.
 
Flächenbrand

Und in Russland? Was mir in Erinnerung geblieben ist: Man will ein paar neue Löschflugzeuge kaufen. Und die Schuldigen? Die gibt es nicht, schuld sei ja die anormale Hitze gewesen.



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2.6.2010 09:25

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Die Macht der Bilder in Tschetschenien

Tamara Aschabowa weint zwischendurch - dann fährt sie mit ihren Erzählungen fort: Vom Tag, als tschetschenische Sicherheitskräfte ihren Sohn erschossen und ihren Mann bis zur Bewusstlosigkeit schlugen. Von der Nacht, als bewaffnete und maskierte Männer ihren jüngsten Sohn entführten, der bis heute als verschollen gilt. Von Gewehren und Panzerfäusten, die man in ihren Garten gelegt und dann gefilmt hat, um abends im tschetschenischen Fernsehen sagen zu können: hier bei der Familie Aschabow ist ein terroristisches Widerstandsnest. Ich konnte Tamaras Informationen nur zum Teil überprüfen, und doch gab es wenig Grund für Zweifel; ein Bauchgefühl. Sie wollte lange gar nicht reden, sass schweigend hinter ihrem Mann, ging immer wieder aus dem Raum. Erst am Schluss, als unser Interview vor Ort eigentlich fertig war, schien es aus ihr herauszuplatzen. Dann erzählte sie vom Unglück ihrer Familie, und der Demütigung durch die skrupellosen Schergen des tschetschenischen Präsidenten Ramsan Kadyrow. Ihre Gestik, ihre Emotionen beeindruckten uns. Doch dann fügte sie einen bemerkenswerten Gedanken an: «Aber was sollen meine Worte, die bringen doch nichts. Wir hätten den ganzen Schrecken mit einer kleinen Kamera filmen müssen», meinte sie.

Die Tschetschenin Tamara mit ihrem MannDieser Satz lässt mich irgendwie nicht mehr los. Ist es tatsächlich so: was nicht gefilmt wurde, hat nicht statt gefunden?

Europarats-Parlamentarier, Menschenrechtler und Einheimische vor Ort: alle erzählten mir von erdrückenden Indizien dafür, dass Ramsan Kadyrow nicht nur ein brutales Regime anführt, sondern selber an Folterungen teilnimmt. Beweise gibt es meines Wissens nicht. In einem Redeschwall anlässlich unseres Interviews sagte er zumindest, er sei oft in den Zellen der Untersuchungsgefängnisse und befrage die jungen Häftlinge (wie kommt es, dass ein Präsident eigenmächtig Verdächtige in der Untersuchungshaft befragen darf?). Aber eben: leider gibt es davon keine Bilder... 

Hier der Beitrag in «10vor10» vom 1. Juni 2010.



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16.3.2010 12:17

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«Genau dafür hasse ich euch Korrespondenten...!»

... meinte auf einmal mein Kameramann Alexej, ein Kollege mit an sich ruhigem Naturell.

Was war geschehen? Zwei Tage lang hatten wir letzte Woche in der Region Woronesch (500 Km südwestlich von Moskau) «Wahlkampf» gedreht. Hintergrund waren die russischen Regionalwahlen vom Sonntag. Wobei von «Kampf» beim besten Wille keine Rede sein konnte. Die Kreml-Partei «Einiges Russland» hatte die Stadt mit ihren Plakaten und Werbeständen fest im Griff. Debatten und Diskussionen in Fernsehen, Radio, Zeitungen, Gemeindesälen? Ein absolutes Niet. Gibt's bei uns leider nicht mehr, meinte der Lokal-Journalist lakonisch.

Die Fetzen fliegen in den russischen Wahlkämpfen schon seit langem nicht mehr. Die sogenannte «Systemnaja Oppositija» - also die Parteien, die in den Parlamenten sitzen - sind meist vom Kreml initiierte «Konstrukte» ohne Rückgrat, Kontur und Willen zum Regieren. Eine Ausnahme bilden da nur mehr die Kommunisten - aber mit Lenin (... und vermehrt wieder mit Stalin) lassen sich in Russland zwar viele Stimmen, aber keine Mehrheiten mehr holen. Bleibt die «Ne-Systemnaja Oppositja»: diejenigen, die ein Mitmachen bei dieser «gelenkten Demokratie» für Zeit- und Geldverschwendung halten und ihren Kampf auf der Strasse ausfechten wollen. Schachweltmeister Kasparow gehört genau so zu ihnen wie die «National-Bolschewisten», kurz: eine heterogener Haufen, der zwar für Abwechslung im öden Politalltag sorgt, aber nur in vereinzelten Fällen den Funken aufs Volk überspringen lässt. Und die (westlich-demokratisch gesinnten) Liberalen? In Wornesch treffen sich diese jeweils donnerstags in einem separaten Saal zu Diskussionen - abgeschirmt von der Öffentlichkeit. Die mitunter chaotischen und mageren 90er Jahre werden ihnen angelastet; und dass «Europa und Amerika» im Grunde schlecht für Russland seien, wird dem Volk vom staatlichen Propaganda-Apparat seit Jahren eingehämmert.

Und was tun die Menschen in Woronesch und in ganz Russland? Sie wählen die Putin-Partei «Einiges Russland» mit absoluter Mehrheit in die regionalen Parlamente und in die Duma! Auch wenn Manipulation und Wahlfälschung im Spiel sein mögen - bei unseren Strassenumfragen hat jedenfalls die Kreml-Partei alle anderen klar ausgestochen.

Und damit zurück zu meinem Kameramann Alexej - und seinem Wutausbruch. Nach zwei Tagen «Polit-Apathie» in Woronesch erlaubte ich mir ihm gegenüber den Satz: Vielleicht habt ihr Russen ja tatsächlich die Regierung, die ihr verdient. Und dann liess er los, beschimpfte die Korrespondenten und meinte: Ich solle ihm mal einen Grund nennen, warum die Russen einer echten Demokratie weniger würdig seien als die Europäer? Nun, ich fand keinen Grund. Aber wie man dieses Volk aus der politischen Lethargie schütteln könnte - das konnte er mir auf der 500 km langen Rückreise auch nicht erklären.



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